Kian Joris

Unser zweites Wunder begann im Januar 2015 mit einem positiven Schwangerschaftstest. Große Freude machte sich breit - unser Sohn bekommt ein Geschwisterchen!

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Die Schwangerschaft verlief insgesamt unkompliziert. Natürlich war sie etwas anstrengender als die 1. Schwangerschaft. Das lag aber nicht an Kian, sondern an seinem 2-jährigen Wirbelwind von Bruder.

Auf den Tag genau 3 Wochen vor dem errechneten Entbindungstermin bekam ich erste Wehen. Wir hatten gerade Eingewöhnung im Spielkreis und dieses Bauchziehen führte ich auf die kleinen Stühle in der Gruppe zurück.
Als ich nachmittags unseren Sohn ins Bett legte und dieses Bauchziehen noch da war, ja sogar weiter ging und sich steigerte, dämmerte es mir endlich.
Nachmittags saßen wir spielend im Kinderzimmer als mein Mann von der Arbeit kam. Ich hatte schon begonnen, die Wehenabstände zu notieren. Allerdings waren sie sehr gut auszuhalten und um so ruhiger ich war, umso größer waren auch die Abstände. Nachdem ich in der Badewanne immer größere Abstände maß, war ich überzeugt, dies wären Übungs- oder Senkwehen oder was auch immer.

Geburtswehen hatte ich noch deutlich in Erinnerung und die fühlten sich anders an. Das musste ja auch so sein. Da es immer später wurde und meine Eltern, die auf unseren Sohn aufpassen sollten, erst am Tag danach aus ihrem Spanienurlaub wieder zurückkamen.

Ich hatte also gar keine Zeit für eine Geburt. Und so verließ ich mich auf Verständnis bei meinem ungeborenem Kind.

Tja, in der Nacht wachte ich wegen stärker werdenden Wehen auf. Langsam wurde ich etwas unruhig, wohin mit dem Großen, wenn wir jetzt ins Krankenhaus mussten? Ich versuchte die Wehen noch weiter zu ignorieren und las etwas. Allerdings half das alles nicht, unser Baby wollte auf die Welt.

Ich weckte meinen Mann und stieg aus dem Bett. Als hätte Kian nur auf diese Bewegung gewartet, bekam ich direkt heftige Presswehen. Ich veratmete energisch jede Wehe, mein Mann rief den Rettungswagen, zwischendurch packte ich die Kliniktasche fertig und putzte mir die Zähne (natürlich ist es sehr wichtig, mit geputzten Zähnen zu gebären).

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Der Rettungswagen kam mit Blaulicht und fuhr uns auch mit Blaulicht ins Krankenhaus. Ich veratmete jede Wehe weiter mit eisernem Willen, das Kind nicht im RTW zu bekommen. Als wir die kurze Strecke zum Krankenhaus geschafft hatten, war ich schweißgebadet (und die junge Rettungsassistentin im Wagen ebenfalls).

Auf der Trage wurde ich in den Fahrstuhl geschoben, als sich die Tür wieder öffnete stand die Hebamme schon vor mir. Während ich in den Kreissaal gefahren wurde, zog sie mir bereits Schuhe und Hose aus.
Drei Presswehen später hatte ich mein wunderschönes, winziges, perfektes Baby im Arm. Er duftete, war ganz knautschig und ich augenblicklich verliebt.

Die Nabelschnur war kurz, ich konnte ihn nicht sofort bis auf meine Brust legen, so lag er erstmal kurz über meinem Bauchnabel und ich konnte ihn ausgiebig bewundern. 10 Finger, 10 Zehen, große Augen und wunderschön. Wieder konnte ich nicht fassen, was für ein Zauber so ein Neugeborenes mitbringt.

Morgens kamen dann der Papa und der frisch gebackene große Bruder zum Kennenlernen. Ich werde nie vergessen, wie unser großer Sohn fragte: "Ist das kleiner Bruder? Aus deinem Bauch?" Ich nickte. Er frage mit großen Augen: "Ist noch eins drin? Bauch ist noch dick!" Ich hätte ihn fressen können und gleichzeitig überlegte ich, ob 2,5 Jahre schon alt genug zum Ausziehen sind...

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Während der U2 im Krankenhaus ist dem Kinderarzt die Down Syndrom typische Sandalenlücke am Zeh aufgefallen.

Nachdem er kurz Kians Muskeltonus prüfte sagte er: "Fitter Kerl, alles top. Ein etwas zartes Geburtsgewicht (2770g) aber ich hatte auch nicht mehr, aus mir ist auch was geworden."

Am 3 Tag wurden wir planmäßig aus dem Krankenhaus entlassen. Zuhause war zum Glück mein Mann in Elternzeit, so konnten wir uns in Ruhe neu sortieren.

Wir sind jetzt 4! Wooohoo!

Immer, wenn Freunde und Bekannte sagten, wie sehr sich die Jungs ähnelten, dachte ich bei mir "Nein, Kian hat ganz andere Augen! Und so kleine Hände."

Eines Tages bekam unsere Kröte furchtbaren Husten. Ich hatte so sehr Angst als ich sah, wie dieses kleine Menschlein hustete und nach Luft rang. Wir fuhren in die Notaufnahme ins Krankenhaus.

Dort war ein sehr aufmerksamer Arzt, der mir ungewohnt viele Fragen stellte und unsere Kröte sehr genau untersuchte. Er sagte, dass wir einen Pseudokrupp-Anfall erlebt hatten und klärte uns weiter auf und gab uns Medikamente.

Zur Nachkontrolle gingen wir zu unserem Kinderarzt.
Er hörte die Kröte auch nochmal ab, wirkte aber irgendwie so befangen und etwas nervös. So hatten wir ihn bisher noch nicht erlebt. Ich war verunsichert und sorgte mich langsam.

Da fragte er mich, ob uns was an unserem Kind aufgefallen wäre. Ich verneinte. Er meinte, er wäre von einem Kollegen angesprochen worden, dass die Kröte eine schräge Lidachse hätte. Das könnte nun viel bedeuten oder auch nichts. Wenn ich wollte, könnte ich das abklären lassen. Dann hätte ich Gewissheit.
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Von Minute zu Minute wurde ich verwirrter und verstand nicht. War jetzt etwas mit unserem Kind nicht in Ordnung oder was hieß das jetzt? Ich bekam eine Überweisung für einen Humangenetiker in die Hand „Verdacht auf Syndrom“ und wir waren entlassen. Seitdem weiß ich, wie Angst und Sorge sich anfühlen.

An den Weg nach Hause erinnere ich mich nicht mehr. Ich nahm Zuhause mein bezauberndes Baby aus der Babyschale und sah ihn an. Ich konnte nichts erkennen. Er war wunderschön, wie immer. Es passte so gar nicht zu den furchtbaren Horrorbildern in meinem Kopf.

Google zu diesem Thema zu befragen, stellte sich als nicht besonders hilfreich da. Die nächsten Tage war ich wie betäubt und weinte mehr als jemals zuvor in meinem Leben. Irgendwann konnte ich mich soweit zusammen reißen, dass ich eine Klinik anrief, um diesen Gentest durchzuführen. Egal was dabei raus kam, ich brauchte Gewissheit.

Es dauerte quälende 7 Wochen bis zum Termin und noch weitere 3,5 Wochen bis zu dem Anruf: 

Freie Trisomie 21. Ihr Kind hat Down Syndrom.

Bäm. Hatte ich mich bis zu dem Anruf gefasst und war wieder ganz im Alltag angekommen, warf mich dieser wieder zurück. Ich legte auf und heulte wieder. Und wieder und wieder.

Wir haben in beiden Schwangerschaften keine pränatalen Tests durchführen lassen. Ganz bewusst. Abtreibungen und vor allem Spätabtreibungen waren kein Thema. Wir wollten was wir bekamen. Deshalb war ich auch von diesem Schmerz so überrascht. Da lag mein wundervolles, perfektes Baby. Unendlich geliebt. Und doch war es nicht mehr das selbe Baby. Und ich war so verwirrt. Ich hatte nichts verloren und doch war da diese Trauer. Und sie war groß. Ich fühlte mich so zerrissen. Ich hatte plötzlich so viele Sorgen, so viele Ängste, so viele Schuldgefühle.

Und dann sah ich meine kleine Kröte an. Der bei Blickkontakt strahlte, kleine Spuckeblasen machte und vor sich hin quasselte.

Er war ein so großer Trost.
Er war meine Rettung. Mein Halt.
Gerade 6 Monate und schon ein Held.
Meine große Liebe.
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Das ist nun alles fast genau ein Jahr her. Wir haben ihn natürlich nochmals komplett untersuchen lassen um alle Down Syndrom typischen Krankheiten ausschließen zu können und zum Glück ist außer einer leichten Muskelschwäche nichts zu finden.

Unser Kind ist topfit und gesund. Und glücklich. Sehr. Und wir auch. Wir lieben und wollen ihn. So wie er ist. Denn anders gäbe es ihn nicht. Und das wäre schrecklich traurig.

Mehr über Kian und unser Familienleben gibt es unter
meinherzundso.wordpress.com