Schmetterling

von Tanja Geiger

Ja, sie sind anders…… Menschen mit Down Syndrom.

Nach der Logo-Stunde schlender‘ ich mit zwei meiner drei Mädels Richtung Innenstadt, um ein leckeres Eis zu essen. Eistüten-leckend sehen wir auf dem Rückweg einen jungen, gut aussehenden Mann im Grünstreifen zwischen zwei Häuserblocks im Jugendstil tänzelnd und wild gestikulierend seinen etwas gedrungenen jedoch drahtigen Körper zu einem tonlosen Rhythmus hin und her schwingen. Beim Näherkommen bemerken wir, dass er Kopfhörer auf hat und einen (mir unbekannten) Song leidenschaftlich und selbstvergessen vor einem imaginären Publikum lauthals den beiden Häuserblocks entgegen schmettert.

Passanten laufen lächelnd vorüber, manche schütteln den Kopf, manche ignorieren die ungewöhnliche Darbietung. Er hat Raum und Zeit vergessen und geht völlig in seiner Rolle als berühmter Sänger bejubelt von einem Millionen-Publikum auf. Er ist jemand anderes geworden. Für einen kleinen Augenblick oder auch eine kleine Ewigkeit. Man kann das nicht genau sagen, weil die Zeit kurz still steht.

Meine Gefühle sind gemischt. Einerseits bewundere ich die Selbstvergessenheit und Leidenschaftlichkeit des jungen Mannes, andererseits beschämt es mich, was die vermeintlich „Normalos“ über ihn denken. Und dann stell ich mir meine Tochter in 10 Jahren vor und weiß nicht, ob mir das gefallen würde, wenn sie so schutzlos, arglos ihr Innerstes vor der ganzen Welt nach außen kehrt und sich angreifbar macht, weil viele Menschen zu dumm sind, um zu begreifen, dass verschieden sein normal ist.

Jäh unterbricht nun der junge Mann selbst seine Vorstellung, wirft einen hastigen Blick auf sein Handy, packt Kopfhörer, Getränkeflasche schnell in einen achtlos am Boden liegenden grauen Ruck und erinnert sich, dass er weiter muß, wohl zu einem Termin, Verabredung, S-Bahn, Zug, etc. Schnell schlüpft er wieder in eine unauffälligere Rolle, packt seinen Rucksack, biegt um die Ecke und verschwindet im grauen Einerlei des geschäftigen Alltags. Ein flüchtiger Schmetterling zwischen den Betonbauten einer Stadt, ein kurzer Sonnenstrahl, der die trübe Wolkendecke durchbricht. Wunderschön und bizarr zugleich.

Ein junger Mann mit Down-Syndrom.

Rampensau Mika in seinem Element <3 (Video: Nicole Hurschler)

Vielen Dank, Tanja! Schön das wir an dem Moment teilhaben durften, so pittoresk wie Du die Situation beschreibst hatte ich direkt Mika Hurschler vor Augen. Danke Nicole, dass ich Mika hier vorstellen darf! <3

Kommentar verfassen

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.