Impfodyssee

Heute sollte es soweit sein. Nachdem ich in der letzten Woche die Informationen las und sofort einen Termin fĂŒr Steffi und mich vereinbart hatte – sollte es heute nun endlich soweit sein. Meine Impfung! Das Geheimnis warum ich mit knackigen 😀 Mitte 40 einen Termin zur Impfung bekomme? In NRW, zugegeben dem bevölkerungsreichsten Bundesland, einen Impftermin und dann sogar mit dem edelsten Stöffchen Biontech/Pfizer zu erhalten – unter 80 Jahren und ohne staatliche Anstellung scheint doch wohl auswegslos? Mitnichten! Denn aus der Verordnung zum Anspruch auf Schutzimpfung gegen das Coronavirus…. bla bla vom 8. Februar und der zugehörigen RegierungsbegrĂŒndung geht hervor„unter den Begriff ambulante Dienste fallen nunmehr auch pflegende Angehörige.“ und damit werden wir ab sofort in die höchste Stufe der Impfpriorisierung eingeteilt.

Leider war ich aufgrund unserer deutschen BehördenmentalitĂ€t schon entsprechend desillusioniert, dass ich zwar hohen Hauptes und siegessicher auftrat, aber auf eventuellen Mißerfolg eingestellt war. Also machte ich mich rechtzeitig auf den Weg, kam rechtzeitig am falschen Ort an und nach kurzer Recherche am richtigen Ort nur etwas zu spĂ€t an 😀

Zuerst parkte ich mich auf den Mitarbeiterplatz, man will ja nicht direkt bis auf den Hof fahren, doch einer von vier Parkanweisern wies mir den Weg direkt vor „die HaustĂŒr“. Also gut gerĂŒstet, Impfverordnung und BegrĂŒndung ausgedruckt. AmĂ©lies U-Heft und SBA gegriffen. Halt, Impfausweis! FFP2-Maske auf und los gehts!

Weitere drei Mitarbeiter empfangen mich am Eingang des Impfzentrums. An der TĂŒr erwarten mich direkt zwei weitere Mitarbeiter. Einer bittet mich mir die HĂ€nde zu desinfizieren. Ich lege meine Unterlagen ab und reinige mir die HĂ€nde, wĂ€hrenddessen wird meine Temperatur per IR-Thermometer gescannt. Drei weitere Mitarbeiter stehen an einem Stehpult zur Anmeldung und unterhalten sich angeregt. Nach weiteren drei Minuten werde ich mit einer Entschuldigung begrĂŒĂŸt und nach meinem Namen gefragt.

Der Mitarbeiter findet mich auf der blauen Terminliste nicht. Ich nenne ihm die Uhrzeit und er findet mich weiterhin nicht. Plötzlich scheint ihn ihm eine Erkenntnis zu reifen? „Sind sie wegen Biontech hier?“ – „Ja klar. 16.30 Uhr Biontech Impfung“ – „Ah, sie sehen nicht nach 80 aus… Da werden Sie Astra bekommen“ murmelnd „mit einem neuen Termin.“

Ich bekomme ein leeres, blaues Klemmbrett in die Hand gedrĂŒckt und werde zu Zone B geschickt… ein schneller Blick an die WĂ€nde – das wird hier wohl ein sieben Level Adventure..

© Thorsten HĂŒbner, Stadt Hamm

Level TWO:

Ich werde von einem weiteren Mitarbeiter auf einen der leeren StĂŒhle geschickt, da derzeit alle vier Schalter der Zone C – der Anmeldung, belegt sind.

Gerade als ich mich setzen will, wird aber bereits einer der Schalter frei und ich werde direkt bedient. Ich schildere das ich einen Biontech-Termin habe und ĂŒberreiche das blaue leere Brett. Er bittet um meinen Personalausweis – oops. FĂŒhrerschein – oh. ein anderes Ausweisdokument? „Mein Impfpass?“ ok… schön blöd von mir, alles andere eingepackt aber das Portemonnaie zuhause liegen lassen. Nun ja, bekommen wir schon hin, aber meine Unterlagen möge ich doch bitte ĂŒbergeben. Ich ĂŒberreiche ihm meinen Stapel mit der Verordnung und die BegrĂŒndung rĂŒber und lĂ€chele verlegen unter meiner Maske. Freundlich nimmt er meinen Stapel entgegen, zu meiner Verwunderung ohne jedes Anzeichen von Überraschung… und blĂ€ttert in dem Stapel herum. Er scheint etwas zu Suchen…. sagt aber auch nix…

„Wo ist denn die Arbeitgeberbescheinigung?“ – „Ähm… ich glaube nicht das eine Firma die Chemiefabriken erbaut, eine fĂŒr Sie aussagekrĂ€ftige Bescheinigung erstellen kann.“ (so oder so Ă€hnlich hĂ€tte ich es formuliert – wenn ich schlagfertig wĂ€r – effektiv war es dann wohl eher der Firmenname und der scheint zu reichen.)

„Ach, ich dachte sie arbeiten im Pflegeberuf?“ – „Ich bin pflegender Angehöriger.“ – „Äh ja, aber da brauche ich eine Arbeitgeberbescheinigung.“ – „Deswegen habe ich Ihnen die ausgedruckte Verordnung mitgebracht und an der entsprechenden Stelle markiert.“ – „Ok, ich rufe meine Vorgesetzte.“ – telefonierend. Diese ist noch beschĂ€ftigt und kommt gleich.

WĂ€hrenddessen bekomme ich vom Schalter nebenan mit, wie ein Ă€lteres Ehepaar mit dem Schalterbediensteten verhandelt. Er hat jetzt gleich seinen Termin. Sie erst am Mittwoch, könne man als Ehepaar nicht zusammen geimpft werden? – Auch das ist eine Aufgabe fĂŒr die Vorgesetzte. Also warten wir gemeinsam. Mein GegenĂŒber schaut nervös durch seine Terminlisten. – Ein bisschen tut er mir leid – so ein renitenter Typ und ich weiss nicht was ich machen soll….

Die Vorgesetzte, lĂ€sst sich „mein Problem“ schildern und nimmt ihre Position verdient ein, sie vermittelt mir direkt den Eindruck ernst genommen zu werden und liest an dieser Stelle das erste Mal die von mir markierten Textzeilen. Allerdings muss sie sich mit höherer Instanz besprechen und vertröstet mich ein weiteres Mal.

Danach mach sie kurzen halt bei dem Ă€lteren Ehepaar. „Ja, dass sie jetzt den Termin zusammen wahrnehmen ist natĂŒrlich kein Problem. Aber sind Sie denn schon achtzig?“

Das muss die Dame verneinen und auch ihr Ehemann kommt noch einmal ins Visier. Aber ich bin doch auch noch nicht 80. Der Kollege meines Servicemitarbeiters wird sichtlich nervös und kontrolliert das Geburtsdatum. „Oh!“ – Ich hörte noch ein wenig der Diskussion zu – das „doch andere, jĂŒngere bereits geimpft wurden“ zu und bekam mit wie das Ehepaar dann freundlich hinausbegleitet wurde.

Ich einigte mich mit meinem Empfangspersonal das ich doch auf einem der Wartesitze auf die RĂŒckkehr warte und er den nĂ€chsten Impfling bedienen könne und nahm auf dem einzigen Platz in der Mitte von drei StĂŒhlen meinen Raum ein. Nachdem die beiden anderen Wartenden bedient wurden, saß ich alleine in der Mitte der Stuhlreihe.

Eine weitere Dame wird auf die Wartebank geschickt und nimmt auf dem rechten Stuhl Platz. Eine Sekunde spÀter werde ich angesprochen und gebeten den Platz zu wechseln um den Abstand zu dem Neuankömmling zu vergrössern. Gut das ich mir das Grinsen nicht verkneifen muss.

Nach weiteren Minuten erscheint „die Vorgesetzte“ in der TĂŒr und steuert geradewegs Schalter 3 an und entdeckt mich im letzten Moment. Etwas schnaufend unter ihrer FFP2-Maske teilt sie mir freundlich und wertschĂ€tzend und offensichtlich etwas nervös mit, dass sie meinen Status in der höchsten ImpfprioritĂ€t anerkennt und wir damit auch baldmöglichst zur Impfung vorgesehen sind, aber dies wird beim Hausarzt erfolgen und wir dĂŒrfen damit rechnen, dass dies am 5.4. wohl soweit sei. Die Medien wĂŒrden uns rechtzeitig informieren. Damit wir zur Impfung zugelassen werden muss erst ein entsprechender Impferlass erfolgen.

Nun ja, an diesem Punkt fehlen mir dann auch die Argumente und ich lasse mich ganz ohne emotionalen oder physischen Ausbruch von weiteren zwei Personen des Impfteams zur TĂŒr begleiten. Bei allen habe ich ein wenig den Eindruck als wenn Sie ein wenig eingeschĂŒchtert sind. Rasten die abgewiesenen Impflinge so oft aus, dass die Damen und Herren hier so reagieren oder bilde ich mir das alles nur ein?

Am Ende bin ich enttĂ€uscht. Ich bin ja nicht fĂŒr mich hier, sondern möchte meine Tochter vor diesem unberechenbaren Virus schĂŒtzen. Ich habe tagtĂ€glich in meinem Beruf Kontakt mit vielen Menschen die weltweit unterwegs sind und trotzdem wĂŒrde ich ihr gerne jeden Abend den Gute-Nacht-Kuss ohne schlechtes Gewissen geben. Ich möchte meine Beitrag leisten um bald wieder ein „normales“ Leben zu ermöglichen, Bildung ohne EinschrĂ€nkungen, die Gastronomie unterstĂŒtzen und wieder Essen gehen, ohne Sorge den Friseur zu besuchen, dem Kind AusflĂŒge ermöglichen, in den Urlaub fahren ohne ein egoistisches Arschloch zu sein. WĂ€hrend meines Besuchs und der Anzahl der Mitarbeiter die sich mit „meinem Problem“ beschĂ€ftigt waren, hĂ€tten dutzende Impfdosen verteilt werden können.

Angesichts der Meldungen das bereits jetzt mehr AstraZeneca geliefert wird, als verimpft werden kann, eine absolut irrsinniger Aufwand und damit erklÀrt sich auch Deutschlands Ergebnis in der weltweiten Impfquote. Nun ja, dann hoffen wir mal auf unseren Hausarzt in zwei Wochen <3

Die Poster des Tages werden noch fortgefĂŒhrt, aber heute Abend hatte ich auch noch eine Videokonferenz zur Schulkonferenz an AmĂ©lies Schule, daher ist fĂŒr heute Schluß. Gute Nacht!

P.S. Morgen hat Amélie Geburtstag und wird schon 7! <3

AmĂ©lie packt GeburtagspĂ€ckchen fĂŒr Ihre Schulkameraden